Angeleitete Imagination im Rehaverlauf nach OP des VKB

Unter dem Titel „Guided imagery to improve functional outcomes post-anterior cruciate ligament repair: randomized-controlled pilot trial” (Angeleitete Imagination zur Verbesserung funktioneller Ergebnisse nach einer Operation des vorderen Kreuzbandes) veröffentlichte die Forschergruppe um Maddison et al. 2011 ihre Studie im Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports.

Hintergrund:
Interventionen mit psychologischem Hintergrund haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass Ergebnisse der Rehabilitation nach Verletzungen positiv beeinflusst werden können. Besonders Imagination (Vorstellungstraining) kann dem Athleten/Patienten in der Rehabilitation helfen, physiotherapeutische Übungen zu trainieren und zu festigen, ungünstige Zustände wie Angst oder Depression zu bewältigen oder die Selbstwirksamkeit und Motivation während der Rehabilitationsphasen aufzubauen. 

Die Studie von Cupal & Brewer (2001) konnte aufzeigen, dass der Einsatz von Imagination und Entspannungstechniken vor einer ACL Operation einen positiven Einfluss auf die Athleten hatte. Die Ergebnisse zeigten eine höhere Kraft im Kniegelenk, weniger Wiederverletzungsangst und weniger Schmerz 24 Wochen nach der Operation – verglichen mit der Placebo- und der Kontrollgruppe. Trotz der tollen Ergebnisse konnten leider nicht die Mechanismen herausgefunden werden, die diese positiven Effekte hervorbrachten.

Das Ziel der vorliegenden Studie war es die Effektivität einer angeleiteten Imaginationsintervention zu untersuchen und die potenziellen psychologischen und psychobiologischen Mechanismen aufzudecken.

Methodik:
Es konnten 21 Teilnehmer für die Studie gewonnen werden. Diese waren zu 62 % männlich und hatten ein mittleres Alter von ca. 35 Jahren. Alle erhielten einen arthroskopischen Eingriff mit einem Homograft einer Hamstringsehne. Die Studienteilnehmer wurden randomisiert und anschließend in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt ein standardmäßig durchgeführtes Rehabilitationsprogramm. Die zweite Gruppe erhielt dasselbe Programm und zusätzlich eine angeleitete Imaginationsintervention. Die Imaginationsintervention bestand aus insgesamt neun Sitzungen mit folgenden Inhalten:

–       Fokussierung auf die spezifischen physiologischen Prozesse während der Rehaphasen
–       Anregungen zur positiven Reaktionen auf die Behandlung
–       Einsatz von verschiedenen Sinnen (visuell, kinästhetisch…) um eine lebhafte Vorstellung zu entwickeln
–       Ablenkung von der klinischen Maßnahme

Es gab sowohl face-to-face Anleitungen als auch eine Audio-CD um zwischen den Sitzungen zu üben.

Um die rehabilitativen Übungen zu trainieren (hierzu wurden sowohl visuelle als auch kinästhetische Sinne einbezogen) fand eine kognitive Imagination statt. Motivationale Imagination wurde eingesetzt um Ziele zu setzen, Stresslevel zu korrigieren und das Selbstbewusstsein zu stärken. Durch „heilende“ Imagination wurde der physiologische Genesungsprozess (z.B. Wundheilung) vorgestellt.

Zu Beginn jeder Sitzung wurde ein Entspannungsverfahren angewendet.

Es wurden 6 Monate nach der Operation sowohl die Kraft des Knies als auch die Beweglichkeit des Knies gemessen. Außerdem wurden neurobiologische Faktoren (Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin) durch eine Urinprobe gemessen. Diese erfolgte zu Beginn als baseline und anschließend nach zwei, sechs und zwölf Wochen nach der Operation.

Die Selbstwirksamkeit und der Einsatz von Imaginationsverfahren wurden durch zwei Fragebögen erhoben (Athletic Injury Self-Efficacy Questionnaire (AISEQ) / Athletic Injury Imagery Questionnaire-2 (AKIQ-2)). Hier fanden die Messungen nach zwei, sechs, zwölf und 24 Wochen statt.

Ergebnisse:
Bei der Kraft des operierten Knies konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen gemessen werden. Allerdings fand man einen aussagekräftigen Unterschied in der Beweglichkeit zu Gunsten der Interventionsgruppe.

Bezüglich Adrenalin konnte keine wissenschaftlich belegbare Differenz zwischen den Gruppen gemessen werden. Die Ergebnisse für Noradrenalin und Dopamin waren bei der Interventionsgruppe geringer.

Die Selbstwirksamkeit nahm bei beiden Gruppen über die Zeit ab. Zwischen den Wochen 6 und 12 konnten die Werte der Interventionsgruppe recht stabil bleiben, während hier die Kontrollgruppe die größten Einbußen hatte.

Der AKIQ-2 konnte signifikant bessere Ergebnisse für die Interventionsgruppe aufweisen (hinsichtlich kognitive, motivationale und heilende Imagination).

Diskussion:
Es gab keinen positiven Effekt auf die Kraft im Kniegelenk, obwohl frühere Studien mit ähnlichen Interventionen diesen Effekt aufzeigen konnte. Eventuell ist dies auf die kleine Versuchspersonenanzahl zurückzuführen. Dennoch konnten auch in dieser Studie einige interessante Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt werden:

Die niedrigeren Werte bei Noradrenalin und Dopamin, sowie die verbesserte Beweglichkeit könnten auf eine Reduktion des Stresslevels zurückzuführen sein. Dies wiederum würde einen verbesserten Heilungsverlauf ermöglichen. Zu viel Stress verzögert den Heilungsprozess und begünstigt die pro-inflammatorische Zytokin-Aktivität. Es konnte nicht herausgefunden werden, welche speziellen Imaginationsverfahren die besten Ergebnisse erzielen konnten. Dies gilt es in Zukunft herauszufinden. Außerdem kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob nicht das integrierte Entspannungsverfahren vor der Durchführung der Imaginationsverfahren die Ergebnisse mit beeinflusst hat.

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